Veröffentlichungsdatum Geschrieben von Simon
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Gedanken zu Bogenhandbewegungen

 

 

Alle Bestandteile der Schießtechnik werden von mir, wie auch anderen, wieder und wieder hinterfragt. Durch das fortschreitende Lernen ergeben sich dabei zwangsläufig neue Ansichten. Ein Aspekt „der Daumentechnik“, der immer mal genannt wird, ist eine aktive Bewegung der Bogenhand, die in den Pfeilflug eingreift. Meine momentanen Gedanken zu Bogenhandbewegungen und ihren Referenzen in den mittelöstlichen Handbüchern möchte ich hier einmal ausbreiten. Sie sind keinesfalls als abgeschlossen zu betrachten. Diskussionsanregung reicht völlig.

 

 

Das große Vorbild für mein – und vielleicht sogar unser - Verständnis der Bogenhandbewegung ist vor allem in der japanischen, aber vielleicht auch in der koreanischen Bogenschießtradition zu finden. (1+2)

In Korea und Japan gibt es noch lebendige Bogentraditionen. Dies ist im mittleren Osten nicht mehr so. Es gibt diverse Handbücher, die ähnliche und sich unterscheidende Techniken beschreiben. Daher schien zu Beginn ein Blick nach Südostasien ratsam. Er wirkt noch immer nach, weshalb ich ihn direkt zu Anfang erwähnen möchte.

 

 

Im Kyudo (jap. Bogensch.) hat der asymmetrische Bogen 2 Eigenheiten: Zum einen ist der untere Wurfarm deutlich kürzer, und damit zwangsläufig schneller, und zum Anderen ist er absichtlich etwas seitlich verzogen (Iriki). Dadurch landet der Pfeil eines Anfängers tendenziell eher etwas zu hoch und etwas rechts zum Ziel. Die Bogenhand soll unter Anderem genau dies kompensieren. Dazu wird Spannung in der Bogenhand aufgebaut, die sich beim Lösevorgang in einer imposanten Drehung des Bogens in der Bogenhand zeigt. (3)

 

 

Beim türkischen Bogenschießen nach Murat Özveri bleibt der Bogen in der Vertikalen unverändert, aber mit dem Handgelenk wird in horizontaler Richtung etwas nach links gedreht. (4)

Dies kann man aus der Positionierung der Griffwölbung, des osmanisch-türkischen Bogens, in der Bogenhand lesen. Je kleiner oder besser gestauchter die Statur des Schütze ist, desto näher soll die Wölbung an das Gelenk zwischen Handfläche und Fingern, und je größer oder besser hochgeschossener die Statur, desto weiter weg von der Handfläche.

Dies kann auf 2 Arten umgesetzt werden:

a) Man ändert den Winkel zwischen Unterarm und Pfeilachse, oder

b) man schießt mit leicht zum Bogengriff gewinkeltem Handgelenk.

Das mit dem Winkel finde ich schlüssiger, aber diese Thematik habe ich noch nicht ausreichend durchdenken können.

 

 

Beim türkischen Bogenschießen nach Adam Swoboda, wird das Handgelenk nach unten gekippt, und damit der ganze Bogen mit der oberen Siyah nach vorne rotiert. Gleichzeitig werden beide Schulterblätter nach hinten (Schussrichtung links bei RH-Schützen) zusammengezogen. Dies bewegt den Bogen beim Ablass etwas vom Pfeil weg und ermöglicht dadurch das Schießen mit egal welchem Pfeil, wenn er lang und steif genug ist. Zu steif scheint es dann nicht mehr zu geben.

Ich fühlte mich dabei jedoch sehr abhängig vom Pfeilgewicht. Schwankungen im Gewicht machten sich in der Höhen- und Seitentrefferlage bemerkbar. (5)

 

 

Im Buch „Kitāb fī-l cilm an-Nuššāb“, dass Stephan „Mamluk-Kipchak“ nennt, weil es in „mamlukenzeitlichem“ kipcaqisch geschrieben ist, und man so sicher auch weniger Sonderzeichen braucht, gibt es eine besonders interessante Stelle zu dieser Fragestellung:

„Das untere Bogenende mag die Achselhöhle leicht streifen und der Bogen wird nach dem Lösen unter deinem Arm zu liegen kommen.“

Dies erklärten wir uns mit einem „Kippen“ des Bogens, also eine Spannung aus dem Handgelenk, die die untere Siyah zum Körper hin zieht, kombiniert mit einem „drehen“ des Bogens.

Simon mit Swobodaposition

 

Das deckt sich mit Adam Swobodas Lesart der Handbücher. (6)

 

 

Im Buch „Saracen Archery“ findet man nichts zu einer horizontalen Bewegung. Man kann allerdings das Zusammenbringen der Schulterblätter so lesen, wie es Adam Swoboda zeigt.

 

 

Im Buch „Bogensport und -Handwerk bei den Osmanen“ von Joachim Hein, findet sich zum Drehen auf Seite 189 folgendes:

„Nach cAbdallāh b. Maymun erzielen die Schützen, welche außerhalb des Griffes zielen, mehr Treffer, wenn sie den Griff ein wenig nach innen (d.h. links) drehen. Wer dagegen mit beiden Augen zielt, während die Spitze des Pfeils vor und hinter dem Griff ist, darf den Griff nicht nach links oder rechts drehen, sondern muss den Bogen möglichst gerade halten.“

Den ersten Teil kann man so lesen, wie es Murat Özveri erfolgreich praktiziert. Jedoch überzeugt mich das nicht und wenn man sich das volle Zitat gibt, schon zweimal nicht. Mir scheint dies eher eine Korrektur zu sein. Wenn man außerhalb des Griffes zielt (also links bei RH), dann hält man den Pfeil etwas weiter nach rechts, als man zielt. Dreht man nun den Bogen im Griff, senkt man den Abstand zwischen Sichtlinie und Pfeilfluglinie. Ein egalisieren des Spines liegt hier ganz und garnicht vor. Ob man dies nun durch eine horizontale oder vertikale Drehung des Bogens (Blick zum Ziel) erreichen soll, kann ich da bisher nicht rauslesen. Beides würde den Zweck erfüllen, jedoch fühlt sich die Vertikaldrehung, oder besser ein Kanten, wie beim Jagdrecurve, nur in die andere Richtung, unnatürlicher an.

 

 

 

Nun zu „Uns.“

Mit der Kipp-Dreh-Technik fingen Stephan und ich an, um unseren Pfeilflug zu verbessern. Hauptproblem war das Wedeln der Pfeile, und eine Trefferlage rechts vom Zielpunkt.

Nach heutigem Stand sehe ich die Lage folgendermaßen:

 

 

1. Unsere Pfeile waren durch die Bank zu steif. Ich schoss 33“ lange .600er Carbonis mit 175grs an der Spitze, bei 38# Zuggewicht. Und damit war ich noch auf der weichen Seite. Heute schieße ich 1300er bei 23lbs, und die sind noch einen Tacken zu steif.

 

 

2. Wir schossen zu viel FoC. Wer hatte alles 150+grs vorne drauf? Hand hoch.

Viel FoC scheint mir gleichzeitig viel Befiederung zu brauchen. Ich bin da nicht ganz durchgestiegen, was am FoC doof ist. Jedoch habe ich deutlichst zu steife Pfeile durch aufschrauben einer 200grs Spitze zum wedeln bekommen, die mit einer 50grs-Spitze nicht wedelten, obwohl sie damit nochmal steifer reagieren.

Nun schieße ich deutlich leichtere Spitzen, und bin das ganze Gewedel los. Gleichzeitig übe ich ab kurz vor dem Ablass keinen Druck mit dem Zeigefinger(-grundgelenk) auf den Pfeil aus. Wenn hier jemand herumtesten mag, bitte ich darum, die Ergebnisse mit mir und anderen Interessierten zu teilen! Warum wir „Däumlinge“ E-FoC-Pfeile zum wedeln bekommen, ist mir noch ein Rätzel.

 

 

3. Ich habe den „Twist“ anders verstanden, als er aufgeschrieben ist. Ich sah das mehr so wie im Film „War of the Arrows“ (toller Streifen). Tja, und dann haben das viele nachgemacht. Und es bringt in diesem Verständnis trotzdem etwas, da es die Pfeilflugbahn wieder etwas paralleler zur Sichtlinie macht. Dadurch minimierte sich die Rechtstrefferlage. Das war gut.

Heute verstehe ich es als zusätzliche Bewegung, um den Zeigefinger von Schützen mit großer und gestreckter Statur (also wie ich…) aus dem Weg der Sehne zu bekommen, denn:

a) kann das echt zwiebeln, und

b) ist spätestens dann der Ablass wieder semisuper.

Man kann das auch einfach weglassen. Funktioniert sogar bei mir. Trotzdem soll jeder das so tun, wie man mag.

 

 

4. Man kann einen Bogen mit breitem Kasan besser mit selbiger unter dem Arm an den Trizeps tippen lassen, als es mit einem schmalen Kasan möglich wäre. So macht die Erwähnung der Sehne in dem Teil auch viel mehr Sinn. Ich verstehe das als: „Lass den Kasan an deinen Arm Tippen, aber die Sehne soll noch rechts (RH) neben dem Oberarm entlang zur Ruhe kommen, ohne mit dem Arm in Kontakt zu kommen. Dieses Ideal erfordert eine starke und kraftvolle Expansionsphase, und sichert einen langen Auszug. Beides ist für das Kriegsschießen (Thema des „Mamluk-Kipchak“) absolut nicht von Nachteil. Eine seitliche Bewegung, aus der Schulter, wie bei Swoboda, ist dafür nicht nötig. Es ist einfach ein Endpunkt für ein Kippen, denn...

 

 

5. Man kann beide Schulterblätter zusammenbringen („omnipräsente Handbuchforderung“), indem man die Schultern nach unten zieht. Geht super. Und das lässt halt auch die Swoboda-Methode irgendwie platzen. Nicht weil die doof wäre, oder falsch sei. Nein, diese macht nicht nur mir viel Spaß. Das Ende der Fahnenstange in puncto akurater Handbuchumsetzung ist sie genau so wenig, wie meine Vorschläge hier. Bitte sucht, probiert und prüft alle mit, und teilt eure Ergebnisse. Und etwas Özveri scheint auch nicht schlecht zu sein. Nur unter anderem Vorsatz. Es geht nicht drum .300er Carbonis ohne Spitze von nem 25# Bogen zu schießen. Einfach eine leichte Trefferlagenkorrektur, c'est tout.

 

 

6. Die Platzierung des Metn (Griffwölbung des Türk. Bogens) in Relation zu den Fingern kann auf zwei Arten gemeint sein.

Möglicherweise ist der Plan die unterschiedlichen Spinebedürfnisse zu erleichtern, indem der Bogen ähnlich verdreht wie beim traditionellen koreanischen Bogenschießen (Kuk Kung) gegriffen wird. Beim Kuk Kung soll zwischen Unterarm und der Sehne auf Standhöhe etwa ein Abstand von 4 Fingerbreiten eingehalten werden. Dies habe ich hier (7) mal ausgebreitet.

 

Ich stelle das aber direkt mal in Frage, da ich diese Platzierung des Metn noch weiter durchdringen muss.

 

 

Zum Abschluss noch ein uneingeschränkten Lob:

Das Thema Rückenspannung wurde auf den letzten Treffen oft behandelt. Und es ist – Überraschung – wie in allen anderen Teilgebieten des Bogenschießens, ein unverzichtbarer Grundbaustein. Anständige Rückenspannung macht auch deutlich mehr aus, als das bischen FoC, was ich erwähnte.

 

 

Diese Zeilen sind vom 06.04.2016, und damit bereits bei Veröffentlichung als möglicherweise schon wieder überholt zu betrachten. Danke :)

 

 

 

Quellen und erläuternde Links:

 

1 https://www.youtube.com/watch?v=4rHWqjFeUF8 (link geht zu Youtube.com)

2 https://www.youtube.com/watch?v=KxrW_ystTuI (link geht zu Youtube.com)

3 http://www.kyudo.com/kyudo-l.html (link geht zu Kyudo.com)

4 https://youtu.be/aqN8dql98iQ?t=2m15s (link geht zu Youtube.com)

5 https://www.youtube.com/watch?v=nSvxlwvhjjA (link geht zu Youtube.com)

6 http://www.oztopcu.com/books/mamluk-kipchak-archery.htm (link geht zu Oztopcu.com) / http://thumbarchery.de/index.php/ed/mamluk-kipchak (link geht zu unserer Seite)

7 http://www.archers-campfire.de/index.php?topic=9603.msg172631#msg172631 (link geht zu Archers-Campfire.de)